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Presse

VON PATRICK MAYER

REUTLINGEN. Die Zuschauer, die als Laien zu den Fußballspielen des GSV Reutlingen 82 kommen, mögen sich im ersten Moment wundern. Ruhig geht es zu auf dem Sportplatz. Sehr ruhig. Die Spieler auf dem Feld kommunizieren mit den Händen. Und nanu: Der Schiedsrichter trägt immer eine Fahne bei sich, winkt bei jedem Foul oder Regelverstoß energisch.

Wir sind bei einer Gehörlosenfußball-Begegnung. Neun Vereine gibt es in Baden-Württemberg,
die tauben oder schwerhörigen Männern anbieten, trotz ihres Handicaps gegen den Ball zu treten. Zu diesen zählt der GSV Reutlingen. »Anfang 1982 trafen sich Klaus-Peter Becker, damals neu in unserer Stadt, und Erasmus Groszeibl, ein eingefleischter Reutlinger, rein zufällig auf der Straße und kommunizierten über Fußball«, blickt Paul Neu, heute Abteilungsleiter beim GSV, auf die Entstehungsgeschichte des Gehörlosenfußballs unter der Achalm zurück.

Die beiden Männer entschieden, einen Verein zu gründen. Schnell fanden sich genügend Fußballer aus Reutlingen und Umgebung mit demselben Handicap – und der GSV Reutlingen stand in den Startlöchern.

»Am 17. April 1982 wurde der Gehörlosen-Sportverein Reutlingen ins Leben gerufen«, erzählt Neu. Ob der Fußball als Ausgleich diene, um dem eigenen Schicksal besser zu trotzen? Davon will Neu nichts wissen.

»Es sollen explizit nur Gehörlose mitmachen. Bevor jemand am Gehörlosensport teilnehmen möchte, muss die Person einen Hörtest beim HNO-Arzt ablegen. Dieser dient dann als Grundlage, ob ein Spieler überhaupt mitmachen darf oder nicht«, nennt der GSV-Funktionär die Bedingungen an Gehörlosenfußballer. »Es geht um einen stillen Fußball«, betont Neu und ergänzt: »Die Mitspieler dürfen keine Hörgeräte oder Cochlear-Implantate tragen.« Doch wie
kommunizieren die Spieler untereinander? Wie können sie den Anweisungen und Entscheidungen des Schiedsrichters folgen? »Wir verständigen uns auf dem Platz mit den Händen, da viele die Gebärdensprache beherrschen. Der Schiedsrichter trägt immer eine Fahne bei sich und hebt diese hoch, während er pfeift«, schildert der 23-Jährige, wie die Kommunikation zwischen den Akteuren auf dem grünen Rasen funktioniert.

Schwierig werde es nur bei einer Abseitsstellung, so Neu weiter. »Erst nachdem ein gehörloser Spieler geschossen hat, kann er sehen, dass er im Abseits stand«, meint der GSV-Funktionär. Für den Stürmer ergebe sich eine Zwickmühle. Denn Arrangement sei, dass der Torwart dem gegnerischen Angreifer ein Zeichen gibt.
»Doch bei Abseits kann der Torhüter den Stürmer auch reinlegen«, meint Neu und grinst.
Und wie muss sich ein unversehrter Laie den Gehörlosenfußball vorstellen?
»Das ist so, als würde man mit Ohrstöpseln Fußball spielen.
Ein Spieler nimmt alles mit den Augen wahr und schaut viel mehr um sich«, teilt Neu mit.
Der Reutlinger sieht keine Unterschiede in der Qualität des Sports.

Mit Stefan Markrolf habe 2007 der erste gehörlose Fußballer den Sprung in das Profigeschäft gepackt. Der Hesse, von Geburt an ohne Gehör, spielte für den damaligen Zweitligisten FSV Mainz 05 und gab sein Debüt gegen keinen geringeren Klub als Borussia Mönchengladbach.
»Doch es fehlt die Förderung«, vermisst der Reutlinger Neu die Unterstützung durch die deutschen Sportverbände.
Für den Fachinformatiker unverständlich. Die deutschen Nationalmannschaften der Gehörlosen verbuchen Jahr für Jahr große Erfolge. 2008 beispielsweise wurde das Männer-Nationalteam Weltmeister; zeitgleich belegten die deutschen Frauen Platz zwei bei den globalen Titelkämpfen.

Auch die Gehörlosenfußballer aus der Achalmstadt haben ein großes Ziel vor Augen. Von der B-Klasse in die Liga A aufzusteigen. Dann ginge es für Neu & Co. gegen die baden-württembergischen Topvereine: die GSG Stuttgart oder den GSV Karlsruhe. (GEA)

 

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Einen ganz lieben Dank an Patrick Mayer für den Artikel und an die Reutlinger General-Anzeiger für die Veröffentlichung.